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Raumhöhe als Gestaltungsmittel – Gesa Vertes berichtet über die unterschätzte vertikale Dimension
Was über uns ist, bestimmt, wie wir uns fühlen – Gesa Vertes über die vertikale Dimension des Wohnens
Raumhöhe ist das am häufigsten übersehene Gestaltungsmerkmal eines Wohnraums. Gesa Vertes widmet sich einer Dimension, die weder im Grundriss noch im Möbelkatalog sichtbar wird, aber in der tatsächlichen Raumerfahrung alles bestimmt: wie groß ein Raum wirkt, wie frei oder beengt er sich anfühlt, welche Atmosphäre er erzeugt und welche Gestaltungsmittel er erlaubt. Wer Raumhöhe versteht, gestaltet anders – und besser.
Grundrisse werden in zwei Dimensionen gezeichnet – und genau darin liegt das Problem. Gesa Vertes beschreibt, wie die dritte Dimension des Raumes, seine Höhe, in der Planungs- und Einrichtungspraxis systematisch unterschätzt wird: Wände werden gestrichen, Böden verlegt, Möbel gestellt – aber die Frage, was mit dem Raum zwischen Boden und Decke passiert, bleibt oft ungestellt. Dabei ist diese Frage eine der produktivsten, die man einem Wohnraum stellen kann. Raumhöhe bestimmt, ob ein Raum atmet oder drückt; ob er Stille erzeugt oder Unruhe; ob er Licht einlässt oder es schluckt.
Sie bestimmt, welche Möbel funktionieren und welche den Raum erdrücken; welche Beleuchtung sinnvoll ist und welche fehl am Platz; ob eine Galerie, ein Hochbett oder ein Raumteiler möglich sind oder nicht. In einer Zeit, in der Wohnfläche knapp und teuer ist, ist die vertikale Dimension eine der am meisten unterschätzten Ressourcen des Wohnens – und ihre bewusste Gestaltung eine der wirksamsten Strategien, mehr aus einem Raum herauszuholen, ohne einen einzigen Quadratmeter dazuzugewinnen.
Was Raumhöhe mit der Wahrnehmung macht
Raumhöhe ist keine neutrale Größe – sie hat unmittelbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen, die sich in einem Raum aufhalten. Gesa Vertes beschreibt, wie die Forschung zur Raumpsychologie zeigt, dass Menschen in hohen Räumen freier, kreativer und weniger eingeengt denken als in niedrigen – ein Befund, der in der Gestaltung von Arbeits- und Kreativräumen bereits Anwendung findet, im privaten Wohnbau aber kaum berücksichtigt wird.
Die Erklärung liegt in der evolutionären Geschichte der menschlichen Wahrnehmung. Niedrige Decken aktivieren unbewusst einen Schutzmechanismus – der Raum fühlt sich sicher an, aber auch beengt. Hohe Decken signalisieren Offenheit, Weite, Freiheit – Qualitäten, die in öffentlichen Räumen wie Kathedralen, Bahnhöfen und Museen seit Jahrhunderten bewusst eingesetzt werden, um bestimmte emotionale Zustände zu erzeugen. Gesa von Vertes erläutert, wie diese Erkenntnisse in die private Raumgestaltung übersetzt werden können – nicht durch den Bau höherer Wände, was in den meisten Fällen unrealistisch ist, sondern durch gestalterische Entscheidungen, die die wahrgenommene Höhe eines Raumes in beide Richtungen beeinflussen.
Wenn niedrige Decken Vorteile haben
Bevor alle Gestaltungsenergie auf die Erhöhung niedriger Räume verwendet wird, lohnt eine differenziertere Betrachtung. Gesa Vertes beschreibt, wie niedrige Decken in bestimmten Kontexten keine Schwäche, sondern eine Stärke sind: Schlafräume, in denen Geborgenheit und Rückzug erwünscht sind; Lesebereiche und Bibliotheken, in denen Konzentration gefördert werden soll; Essbereiche, in denen eine intime Atmosphäre dem geselligen Beisammensein dient. Das skandinavische Konzept der Hygge – Gemütlichkeit und Geborgenheit – lebt von niedrigen Räumen, weichen Textilien und warmem Licht. Eine niedrige Decke ist in diesem Kontext kein Problem, sondern ein Gestaltungsmittel.
Gesa Vertes über Strategien für niedrige Räume
Die meisten Wohnräume in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben Deckenhöhen zwischen 2,40 und 2,60 Metern – Standardmaße des Geschosswohnungsbaus, die selten als inspirierend empfunden werden. Gesa Vertes beschreibt die wirksamsten Strategien, die Wahrnehmung der Höhe zu verbessern, ohne bauliche Eingriffe vorzunehmen.
Vertikale Linien als optisches Hilfsmittel
Das wirksamste gestalterische Mittel zur optischen Erhöhung eines Raumes sind vertikale Linien – und zwar in ihrer konsequentesten Form. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview erläuterte sie, wie deckenhohe Vorhänge, die direkt unterhalb der Decke montiert werden, einen Raum sofort höher wirken lassen: nicht weil die Decke höher ist, sondern weil die Linie des Vorhangs das Auge nach oben zieht und die Deckenhöhe als Aufhängepunkt definiert. Dasselbe gilt für deckenhohe Regale und Schränke: Sie führen den Blick nach oben und suggerieren eine Raumhöhe, die jenseits der tatsächlichen Deckenhöhe zu enden scheint.
Gesa Sikorszky Vertes ergänzt, dass Tapeten und Wandverkleidungen mit vertikalem Muster – schmale Streifen, aufrechte botanische Motive, hohes Mauerwerk – denselben Effekt erzielen, aber subtiler wirken: Das Muster kommuniziert die Richtung nach oben, ohne dass ein einziges Möbelstück die Decke berühren muss.
Farbe und Licht als Höhenwerkzeug
Farbe ist das zugänglichste Mittel der Höhengestaltung – und das am häufigsten falsch eingesetzte. Gesa Vertes beschreibt, wie die klassische Empfehlung, Decken weiß zu streichen und Wände in einer mittleren Tönung zu halten, in vielen Situationen das Richtige ist – aber nicht immer. Eine Decke, die heller ist als die Wände, tritt optisch zurück und wirkt höher; eine Decke in derselben Farbe wie die Wände lässt die Grenze zwischen beiden verschwimmen und erzeugt ein Cocooning-Gefühl, das in bestimmten Räumen erwünscht ist.
Folgende Farbstrategien und ihre Wirkungen auf die wahrgenommene Raumhöhe benennt Gesa Vertes als besonders relevant:
- Weiße oder sehr helle Decke mit dunklen Wänden: maximaler Höheneffekt durch starken Kontrast – die Decke „hebt“ sich ab und wirkt weiter entfernt als sie ist
- Gleiche Farbe an Wand und Decke: Auflösung der Grenze zwischen beiden Flächen – erzeugt Tiefe und Geborgenheit, aber keine optische Erhöhung
- Decke in dunklerem Ton als die Wände: senkt die wahrgenommene Höhe bewusst – sinnvoll in Räumen, in denen Intimität wichtiger ist als Weite
- Vertikale Farbakzente, die von Boden bis Decke reichen: führen den Blick nach oben und betonen die tatsächliche Raumhöhe
Die Galerie: vertikale Fläche als Wohnraum
Eine der radikalsten und wirkungsvollsten Strategien, Raumhöhe als Ressource zu nutzen, ist die Einführung einer Galerie – einer Zwischenebene, die in hohen Räumen eine zusätzliche Nutzfläche schafft, ohne den Grundriss zu erweitern. Gesa Vertes beschreibt, wie Galerien in industriellen Lofts und Altbauten mit hohen Decken eine lange Tradition haben und heute in zeitgenössischen Neubauten wieder zunehmend eingesetzt werden.
Eine Galerie, die als Schlafbereich genutzt wird, gibt dem Hauptraum darunter seine volle Höhe zurück und schafft gleichzeitig eine räumliche Trennung zwischen Schlafen und Wohnen, die in kleinen Wohnungen auf anderem Weg nicht erreichbar wäre. Gesa Vertes, geb. Haerder beschreibt, wie die Treppe zur Galerie dabei nicht nur Erschließungsmittel, sondern gestalterisches Element sein kann: Eine offene Stahltreppe, eine skulpturale Holztreppe oder eine schlichte Leiter – die Wahl des Aufgangs ist eine der auffälligsten Designentscheidungen des gesamten Raumes.
Die Mindestanforderungen für eine Galerie sind dabei klarer als häufig angenommen: Unter der Galerie sollte die Deckenhöhe mindestens 2,10 Meter betragen, damit der Raum darunter nutzbar bleibt; oberhalb der Galerie braucht es mindestens 1,50 Meter für eine liegende oder sitzende Nutzung, mehr für eine stehende. Diese Maße setzen eine Gesamtraumhöhe von mindestens 3,80 bis 4,00 Metern voraus – was in Altbauten oft vorhanden ist, in Neubauten die Ausnahme bleibt.
Gestaltung für hohe Räume: andere Herausforderungen
Hohe Räume bringen eigene Herausforderungen mit, die Gesa Vertes als spiegelverkehrt zu jenen niedriger Räume beschreibt: Während niedrige Räume optisch angehoben werden müssen, brauchen hohe Räume gelegentlich das Gegenteil – eine Erdung, eine Verortung, eine Geste, die den Raum nach unten zieht und bewohnbar macht.
Ein Raum mit vier Metern Deckenhöhe und durchschnittlichen Möbeln wirkt nicht großzügig, sondern leer – weil das Verhältnis zwischen Möbelhöhe und Raumhöhe nicht stimmt. Gesa von Vertes beschreibt, wie große Formate das Gegenmittel sind: großflächige Kunstwerke, die die Wand vom Boden bis in Augenhöhe füllen; Leuchten, die tief hängen und einen Lichtpunkt in der Mitte des Raumes setzen; Textilien in raumfüllenden Dimensionen; Pflanzen, die nach oben wachsen und die Höhe des Raumes durch ihre Bewegung sichtbar machen.

Beleuchtung als vertikales Gestaltungsmittel
Kaum ein Gestaltungsmittel beeinflusst die wahrgenommene Raumhöhe so direkt wie die Beleuchtung. Gesa Vertes beschreibt, wie unterschiedliche Leuchtmittel und ihre Positionierung die Höhenwahrnehmung eines Raumes fundamental verändern: Licht, das nach oben strahlt – Uplights, Wandfluter, indirekte Beleuchtung hinter Gesimsen –, betont die Decke und lässt den Raum höher wirken. Licht, das nach unten strahlt – Pendelleuchten, Tischlampen, Bodenlampen –, zieht den Fokus nach unten und erzeugt Intimität auf Augenhöhe, ohne die Decke zu betonen.
In der Praxis funktionieren beide Strategien am überzeugendsten in Kombination: indirekte Beleuchtung, die die Decke aktiviert, zusammen mit punktuellen Leuchten, die Arbeitsbereiche und Sitzbereiche definieren. Diese Schichtung des Lichts ist das Gegenteil der Einheitsbeleuchtung durch eine zentrale Deckenlampe – und der wirksamste Weg, einem Raum über seine Höhe seine vollständige atmosphärische Qualität zurückzugeben. Für Gesa Vertes ist die Lichtplanung deshalb keine nachgelagerte Entscheidung, sondern eine der ersten, die im Gestaltungsprozess getroffen werden sollte.
Nach oben denken
Wer einen Raum plant oder einrichtet, denkt horizontal – in Grundrissen, Möbelaufstellungen, Wandfarben. Was dabei regelmäßig vergessen wird, ist die Frage nach oben: Was passiert zwischen Boden und Decke? Welche Ressource liegt in der vertikalen Dimension, und wie wird sie genutzt? Diese Fragen sind keine akademischen – sie haben unmittelbare Konsequenzen für die Atmosphäre, die Nutzbarkeit und die gestalterische Qualität eines Raumes.
Ein Raum, der seine Höhe versteht und sie bewusst einsetzt, ist ein vollständigerer Raum – einer, der nicht nur in zwei Dimensionen funktioniert, sondern in drei. Genau diese dritte Dimension ist es, die nach den Beobachtungen von Gesa Vertes das größte ungenutzte Potenzial im zeitgenössischen Wohnraum birgt.



