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Was der Boden klingt – Gesa Vertes erläutert den Zusammenhang zwischen Bodenbelag und Raumakustik
Gesa Vertes darüber, warum jeder Schritt hörbar macht, was man bei der Materialwahl übersehen hat.
Der Bodenbelag ist die größte zusammenhängende Fläche eines Wohnraums – und gleichzeitig die akustisch wirksamste. Gesa Vertes widmet sich einem Zusammenhang, der in Einrichtungsentscheidungen zu selten mitgedacht wird: Welcher Boden gewählt wird, entscheidet nicht nur über Optik und Haptik, sondern maßgeblich darüber, wie ein Raum klingt. Ob er hallt oder schluckt, ob Schritte hörbar sind oder nicht, ob Gespräche verständlich bleiben oder im Lärm verschwinden – all das beginnt am Boden.
Wer einen neuen Bodenbelag auswählt, denkt an Farbe, Pflegeleichtigkeit, Preis und Robustheit. Selten denkt man an Akustik. Gesa Vertes beschreibt, wie diese Lücke im Entscheidungsprozess regelmäßig zu Räumen führt, die visuell überzeugen und akustisch scheitern: Hartböden in großen, offenen Grundrissen, die jeden Schritt wie einen Schlag klingen lassen; Fliesen in Wohnräumen, die Sprache unverständlich machen; Laminat, dessen Hohlklangeigenschaft jeden Absatz zur Belastung macht. Diese Probleme sind nicht unvermeidlich – sie sind das Ergebnis von Entscheidungen, die ohne akustisches Wissen getroffen wurden. Wer versteht, wie verschiedene Bodenbeläge mit Schall umgehen, kann von Beginn an klüger wählen und damit einen Raum schaffen, der nicht nur gut aussieht, sondern gut klingt.
Warum der Boden akustisch so entscheidend ist
Schall breitet sich in alle Richtungen aus und trifft auf alle Oberflächen eines Raumes – aber keine Oberfläche hat dabei eine größere Bedeutung als der Boden. Gesa Vertes erklärt, warum: Der Boden ist die einzige Fläche, die sowohl direkt beschallt wird – durch Schritte, fallende Gegenstände, Möbelrücken – als auch reflektierend wirkt, indem sie den Schall aus anderen Quellen zurückwirft. Diese Doppelrolle macht ihn zum akustisch wirksamsten Element eines Raumes, das in keiner anderen Entscheidung so unmittelbar spürbar wird wie hier.
Hinzu kommt die schiere Fläche: Ein Wohnzimmer von dreißig Quadratmetern hat dreißig Quadratmeter Bodenfläche, aber nur zwanzig bis fünfundzwanzig Quadratmeter Wandfläche – je nach Fenster- und Türanteil. Der Boden dominiert die akustische Gleichung des Raumes schlicht durch seine Größe, und seine Materialität entscheidet, ob diese Fläche Schall absorbiert, reflektiert oder streut. Gesa von Vertes erläutert, wie das Verständnis dieses Zusammenhangs die Bodenauswahl von einer rein ästhetischen zu einer ganzheitlichen Entscheidung macht.
Trittschall und Raumschall: zwei verschiedene Probleme
In der Diskussion über Bodenbeläge und Akustik werden zwei grundlegend verschiedene Phänomene häufig vermischt. Gesa Vertes unterscheidet sie klar: Trittschall bezeichnet den Lärm, der durch Schritte auf dem Boden entsteht und sich durch die Gebäudestruktur in andere Räume und Geschosse überträgt – ein Problem, das primär durch die Konstruktion des Bodenaufbaus gelöst wird, nicht durch den Belag selbst. Raumschall hingegen bezeichnet die akustische Qualität innerhalb des Raumes: wie lange ein Klang nachhallt, wie verständlich Sprache ist, wie angenehm oder anstrengend der Aufenthalt im Raum wirkt. Dieser Raumschall wird sehr wohl durch den Bodenbelag beeinflusst – und ist die Dimension, um die es in diesem Beitrag geht.

Gesa Vertes über die akustischen Eigenschaften der wichtigsten Bodenbeläge
Nicht jeder Bodenbelag verhält sich akustisch gleich – im Gegenteil: Die Unterschiede zwischen verschiedenen Materialien sind erheblich und haben direkte Konsequenzen für die Raumatmosphäre. Gesa Vertes beschreibt die wichtigsten Bodenbeläge und ihre charakteristischen akustischen Eigenschaften.
Hartböden: Parkett, Fliesen, Stein
Hartböden – dazu zählen Parkett, Laminat, Fliesen, Naturstein und Beton – sind die akustisch problematischsten Bodenbeläge, weil sie Schall nahezu vollständig reflektieren. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass dieser Befund keinen Grund ist, auf Hartböden zu verzichten – aber ein sehr guter Grund, ihre akustische Wirkung in der Raumplanung zu berücksichtigen und gezielt zu kompensieren.
Die Unterschiede innerhalb der Kategorie Hartboden sind dabei nicht unerheblich. Massivparkett reflektiert Schall zwar stark, aber nicht so hart wie Fliesen oder polierter Naturstein: Die natürliche Struktur des Holzes streut den Schall leicht, was den Klang weicher macht. Fliesen und polierter Stein hingegen sind die härtesten Schallreflektoren unter den gängigen Bodenbelägen – mit einer Klanghärte, die in großen, wenig möblierten Räumen zu Nachhallzeiten führt, die Sprache unverständlich machen.
Gesa Sikorszky Vertes erläutert, wie die Oberflächenstruktur dabei eine wesentliche Rolle spielt: Eine matte, strukturierte Fliesenoberfläche reflektiert Schall diffuser als eine hochglanzpolierte – was den akustischen Unterschied zwischen zwei optisch ähnlichen Materialien erklären kann. Wer Fliesen oder Naturstein im Wohnbereich plant, sollte strukturierte Oberflächen bevorzugen – nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch aus akustischen.
Teppich: der akustische Idealbelag
Teppich ist akustisch das überlegene Bodenmaterial – ein Befund, den Gesa Vertes als weitgehend unbestritten beschreibt, auch wenn er im Wohndesign der vergangenen Jahrzehnte kaum eine Rolle spielte. Die Fasern eines Teppichs absorbieren Schall in einem Maß, das kein anderer Bodenbelag erreicht: Nachhallzeiten sinken drastisch, Trittgeräusche verschwinden nahezu vollständig, Sprache wird klarer und verständlicher.
Diese akustischen Vorteile erklären, warum Teppich in Konferenzräumen, Hotels, Theatern und Tonstudios weiterhin Standard ist – auch wenn private Wohnräume ihn zunehmend durch Hartböden ersetzt haben. Gesa Vertes, geb. Haerder beschreibt, wie diese Entwicklung akustisch einen Preis hat, der im Alltag spürbar ist, aber selten auf den Bodenbelag zurückgeführt wird: der Lärmpegel in modernen Wohnräumen ist strukturell höher als in Räumen mit Teppich – nicht weil mehr Lärm erzeugt wird, sondern weil weniger absorbiert wird.
Teppich als akustische Ergänzung zum Hartboden
Da Hartböden aus ästhetischen und hygienischen Gründen in vielen Wohnräumen bevorzugt werden, ist die Frage, wie ihre akustischen Nachteile kompensiert werden können, praktisch hochrelevant. Gesa Vertes beschreibt, wie Teppiche und Teppichläufer als gezielte akustische Ergänzung eingesetzt werden können – ohne auf die Vorteile des Hartbodens zu verzichten.
Folgende Grundsätze benennt Gesa Vertes für den akustisch wirksamen Einsatz von Teppichen auf Hartböden:
- Fläche entscheidet: Ein Teppich, der mindestens zwei Drittel der Bodenfläche eines Raumes bedeckt, hat eine messbar andere akustische Wirkung als einer, der nur dekorativ in der Mitte liegt. Wer akustisch wirksam sein will, wählt großzügige Formate
- Florhöhe und Dichte: Hochflor-Teppiche absorbieren mehr Schall als Kurzflor; dicht gewebte Naturfaserteppiche aus Wolle oder Sisal sind akustisch wirksamer als dünne synthetische Varianten
- Unterlagematte: Eine hochwertige Unterlagematte unter dem Teppich verdoppelt die akustische Absorptionswirkung und verbessert gleichzeitig den Gehkomfort erheblich – ein Aufwand, der sich in wenigen Wochen in der wahrgenommenen Raumqualität niederschlägt
- Positionierung: In der Sitzgruppe platzierte Teppiche haben die größte akustische Wirkung, weil sie den Bereich mit der intensivsten Sprachkommunikation abdecken – genau dort, wo Verständlichkeit am wichtigsten ist
Akustik und Raumgröße: warum große Räume besondere Aufmerksamkeit brauchen
Gesa Vertes beschreibt eine direkte Beziehung zwischen Raumgröße und akustischer Problematik: Je größer und höher ein Raum ist, desto länger sind die Wege, die Schallwellen zurücklegen, bevor sie absorbiert werden – und desto höher ist die Nachhallzeit. Große, offene Wohnräume mit Hartböden und wenig Mobiliar sind akustisch die anspruchsvollsten Situationen im privaten Wohnbau.
In diesen Räumen reicht ein einziger Teppich unter der Sitzgruppe als akustische Maßnahme oft nicht aus. Gesa von Vertes erläutert, wie in solchen Situationen mehrere Maßnahmen zusammenwirken müssen: großflächige Textilien an den Wänden – Vorhänge, Wandteppiche, textile Wandpaneele –, Möbel mit gepolsterten Oberflächen, Bücherwände, die den Schall streuen, und deckenbezogene Maßnahmen wie akustische Deckenpaneele, die in zeitgenössischen Designs kaum noch als technische Lösung erkennbar sind. Die Kombination dieser Maßnahmen ist wirksamer als jede Einzelmaßnahme – und sie ist die Grundlage für einen großen Raum, der trotz seiner Dimension nicht hallt.
Bodenbelag und Raumnutzung: was wo passt
Die akustisch richtige Bodenbelagsentscheidung hängt nicht nur vom Material, sondern von der Raumnutzung ab. Gesa Vertes beschreibt, wie verschiedene Räume verschiedene akustische Anforderungen haben – und wie der Bodenbelag diesen Anforderungen entsprechen sollte.
Im Schlafzimmer ist akustische Stille das Ziel: Teppich oder ein großflächiger Teppichläufer sind die naheliegendste Lösung, weil sie Trittgeräusche eliminieren und die Nachhallzeit minimieren. Im Arbeitszimmer ist Sprachverständlichkeit entscheidend: Harte Böden mit Teppichunterlage oder ein großformatiger Teppich schaffen die Balance zwischen pflegeleichter Oberfläche und akustischer Ruhe. In der Küche ist Pflegeleichtigkeit die erste Priorität – was Fliesen oder Naturstein nahelegt; die akustische Problematik sollte durch Textilien in angrenzenden Bereichen kompensiert werden. Im Wohnzimmer schließlich ist die Kombination aus Hartboden und Teppich die überzeugendste Lösung: der Hartboden gibt dem Raum sein visuelles Gewicht, der Teppich gibt ihm seine akustische Qualität.
Wenn der Boden zum Gesamtkonzept gehört
Bodenbeläge werden zu selten als Teil eines akustischen Gesamtkonzepts gedacht – und zu oft als isolierte Materialentscheidung, die unabhängig von allem anderen getroffen wird. Wer versteht, dass der Boden nicht nur die Fläche ist, auf der man geht, sondern die akustische Grundlage des gesamten Raumklangs, trifft eine andere, bessere Entscheidung – eine, die den Raum in seiner Gesamtheit verbessert. Diese Verbindung zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört; zwischen Materialwahl und Raumatmosphäre; zwischen Ästhetik und Wohlbefinden ist das, wofür Gesa Vertes in jeder Einrichtungsentscheidung plädiert.



